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Von Jutta Koch
FULDA
Es gibt Situationen, in denen Kinder ein komisches Gefühl bekommen.
Beispielsweise, wenn der Onkel immer einen Begrüßungskuss verlangt, und
sie sich zu ihm auf den Schoß setzen sollen. Wenn Fremde sie auf der
Straße ansprechen und im Auto mit nach Hause nehmen wollen. Oder wenn
Jugendliche auf dem Spielplatz randalieren und sie anpöbeln.
„Das müsst ihr nicht aushalten, ihr habt es selbst in der Hand, euch zu
wehren“, sagt Lolita Banik-Reith in ihren Seminaren zu den Dritt- und
Viertklässlern. Sie übt mit ihnen handfeste Antworten ein, um sich aus
solchen Situationen zu befreien. Mit Sätzen wie „Ich will das nicht!“,
„Ich laufe lieber nach Hause!“ oder „Lasst uns in Ruhe!“ können Kinder
ihrem Gegenüber Grenzen aufzeigen.
Lolita Banik-Reith ist seit neun Jahren Vorsitzende des
Stadtelternbeirats. Als sie gefragt wurde, ob sie sich am Projekt „Nicht
mit mir!“ des Vereins Smog (Schule machen ohne Gewalt) beteiligen möchte,
sagte sie sofort zu. Aus ihrer Zeit im Ehrenamt wusste sie: „Es gibt viel
zu tun.“ In einem Workshop der Polizei ließ sie sich zur Referentin
ausbilden.
1200 Schüler hat sie in den vergangenen zwei Jahren in Fuldaer
Grundschulen besucht. Was sie dabei erlebt hat, klingt unglaublich. Ein
Mädchen berichtete ihr von einer Freundin, die von einem Mann zu sich nach
Hause gelockt wurde. Er hatte ihr versprochen, sie dürfe dort mit kleinen
Kätzchen spielen. Statt dessen schloss er sich mit ihr ein, und sie musste
sich Porno-Filme mit ihm ansehen. Durch den Hinweis des Mädchens konnte
der Fall aufgeklärt werden – einer von vielen, wie Lolita Banik-Reith
vermutet: „Auch das ist Fulda.“
Bevor die 49-Jährige mit ihren viertägigen Seminaren beginnt, veranstaltet
sie einen Elternabend, um den Müttern und Vätern die Ziele der Schulung zu
verdeutlichen. Sie betont, dass sie den Kindern keine Angst machen will –
im Gegenteil. Viele seien ohnehin verunsichert. Bei Umfragen steht die
Furcht vor sexuellem Missbrauch an zweiter Stelle nach der Angst vor
Schicksalsschlägen in der Familie. „Wir müssen den Kindern ehrlich sagen,
wie die Welt aussieht“, antwortet Lolita Banik-Reith auf die Frage, ob
dieses sensible Thema überhaupt mit Zehn- und Elfjährigen besprochen
werden sollte. Sie sagt ihnen aber auch: „Wir tun alles für euren Schutz,
damit euch nichts passiert.“
In jeder Klasse sind laut Banik-Reith zwei bis drei Kinder dabei, die von
„Angst machenden Situationen“ berichten. Um eventuellen Fällen nachgehen
zu können, ist auch der Klassenlehrer beim Seminar anwesend. Nicht selten
werden nach der Schulung Eltern zum Gespräch geladen. „Die meisten
Übergriffe auf Kinder gibt es im Familien- und Bekanntenkreis.“
Als Referentin vermittelt Lolita Banik-Reith den Kleinen einfache aber
wirkungsvolle Tipps, sich zur Wehr zu setzen und in Gefahrensituationen
richtig zu reagieren. Sie übt mit den Kindern, sich Autokennzeichen
Verdächtiger zu merken. Für FD-AH-110 beispielsweise hat sie die
Eselsbrücke „Für dich auch Hilfe 110“ gebaut. Sie zeigt ihnen auch, wie
ein Dienstausweis der Polizei aussieht – und sagt den Kindern, dass sie
das Recht haben, danach zu fragen. „Nur weil jemand erwachsen ist, heißt
das nicht, dass er sich alles erlauben darf“, gibt sie ihnen mit auf den
Weg. „Schaltet die Festplatte ein und fahrt die Antennen aus“ lautet ihr
Leitsatz.
„Wenn ich auch nur einem einzigen Kind das Selbstwertgefühl vermitteln
kann, das es zu Hause nicht bekommt, weiß ich schon, dass ich das Richtige
tue“, sagt sie. Die Arbeit mit den Kindern ist für sie eine
Herzensangelegenheit. Und es sind ihre eigenen beiden Söhne im Alter von
14 und 15 Jahren und ihr Ehemann, die ihr Kraft geben. Denn es ist nicht
immer leicht, das Erlebte zu verarbeiten, das muss auch sie gestehen. Bei
der Erinnerung an ein kleines Mädchen, das einen besonders
schutzbedürftigen Eindruck machte, bekommt sie noch heute Gänsehaut. „Das
ist mein Motivationszettel“, sagt sie und deutet auf ein Stückchen Papier,
auf dem dieses Kind sich bedankt für ihren Besuch.
„Das ist das schönste Dankeschön“, sagt sie und zeigt einen Stapel von
Zeichnungen, Karten und Briefen der Kinder. Auf einer Karte steht: „Liebe
Frau Banik-Reith, ich würde jeden Morgen schon um 7 Uhr zur Schule kommen,
wenn Sie unterrichten würden.“
Kontakt:
Interessierten Eltern und Lehrern steht Lolita Banik-Reith unter
Telefon (06 61) 6 10 00 für Fragen zum Projekt „Nicht mit mir!“ zur
Verfügung. Ansprechpartner bei Problemen rund um das Thema Gewalt und
Missbrauch sind unter der kostenlosen Smog-Line (08 00) 1 10 22 22
erreichbar. / ju
www.smogline.de |