25.04.07 - 'Tag gegen Lärm' - Lärmmessungen an der
Florenbergschule Zu Hitzefrei höre ein
Radio-FFH Interview über
Hitzefrei.
Bei „hitzefrei“ schlägt der Zeiger Purzelbäume
Unsere alltägliche Beschallung ist leicht zu finden, Oasen
der Ruhe dagegen sind rar – sogar auf dem Friedhof
Von unserem Redakteur
Sebastian Balzter
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FULDA Die 3 c der Florenbergschule
in Pilgerzell probt den Ernstfall, schließlich steht der Sommer vor der Tür.
„Heute ist hitzefrei“, verkündet Gerhard Renner, der Schulleiter, den 23
Mädchen und Jungen. 23 Kehlen jubeln darüber, mit 115 Dezibel. So laut ist es
sonst in Discos, das Gehör leidet darunter – ab 85 Dezibel Dauerbelastung am
Arbeitsplatz, darauf haben sich die Berufsgenossenschaften geeinigt, ist
Lärmschutz Pflicht.
Rund 75 Prozent aller Menschen in Deutschland klagen über Belästigung durch zu
laute Geräusche – diese Zahl hat jedenfalls die Deutsche Gesellschaft für
Akustik ermittelt, die heute zum „Tag gegen Lärm“ aufruft. Dr. Stefan Kortüm,
der Leiter des Fuldaer Gesundheitsamts, hat dazu für unsere Zeitung an drei
Stationen rund um Fulda Stichproben der alltäglichen Beschallung genommen.
Erste Station ist die Grundschule in Pilgerzell. 12 Uhr, mit dem Gong endet
die vierte Stunde. 409 Schüler strömen durch das Treppenhaus in die Pause.
Macht drei Minuten lang durchschnittlich 85 Dezibel, mit Spitzenwerten von 98
Dezibel. Zum Vergleich: Eine Kreissäge erzeugt ungefähr 100 Dezibel.
Speziell für Grundschulen haben Wissenschaftler der Universität Oldenburg
ermittelt: Lärm macht doof, denn Nebengeräusche stören beim Lernen. Dabei geht
es nicht um Treppenhäuser, sondern um Klassenräume. Der Mittelwert dafür bei
den Messungen der Forscher: 70 Dezibel. Die 3 d aus Pilgerzell bleibt im
Matheunterricht zunächst klar unter diesem Schnitt, bei der Gruppenarbeit aber
nähert sie sich ihm an: Stühlerücken, eine Kollision mit dem Heizkörper,
Getuschel, Gekicher – das summiert sich.
In der Turnhalle kommt die Steigerung. Sportlehrer Rainer Wendel lässt „Wer
hat Angst vorm Schwarzen Mann?“ spielen – Stefan Kortüms Messgerät zeigt bis
zu 95 Dezibel an. Kein außergewöhnlicher Wert für Turnhallen, aber womöglich
ein Grund dafür, dass Sportlehrer zu den besonders gefährdeten
Burn-out-Kandidaten gehören. Denn Lärm schädigt nicht nur das Gehör. Er kann
auch das Immunsystem schwächen, zu Bluthochdruck, Allergien und
Herzkreislauferkrankungen führen. Und wer sich gegen Lärm durchsetzen will,
der braucht ein kräftiges Organ: Gerhard Renner bringt es bei einem „Donnerwetter!“-Test
auf 95 Dezibel.
Zweite Station ist das Klinikum Fulda, von hier startet der Rettungsdienst des
Deutschen Roten Kreuzes (DRK) zu seinen Notfallfahrten. Das
Pressluft-Martinshorn des Notarzteinsatzwagens bringt es auf satte 120
Dezibel. „Das strahlt nach vorne weg, im Cockpit ist es viel leiser“, erklärt
Stefan Kortüm, warum am Steuer kein Gehörschutz nötig ist – abgesehen davon,
dass er im Straßenverkehr auch gar nicht möglich wäre.
Laut wird es bisweilen auch im Hangar der Luftrettung – selbst wenn „Christoph
28“ nicht im Spiel ist. DRK-Rettungsassistent Klaus Semmler aus Langenschwarz
übt hier in Pausen mit seinem Altsaxofon – der „Marche Classique“ bringt es
auf 100 Dezibel. „Die Akustik hier drin ist super“, schwärmt Semmler. Und
Stefan Kortüm hält sich die Ohren nur zum Spaß zu – als Lärm empfindet er das
Hobby seines Kollegen trotz der Lautstärke nicht. „Das ist das Besondere –
Lärm lässt sich nicht naturwissenschaftlich exakt definieren“, sagt der
Amtsarzt des Landkreises. „Wir beschreiben damit jedes Umgebungsgeräusch, das
als störend empfunden wird.“
Objektiv messbar ist demnach nur der in Dezibel gemessene Schalldruck – aber
auch hier lauern Tücken, diesmal sind sie mathematischer Art. Denn wenn der
Schalldruck um zehn Dezibel steigt, dann wird dies subjektiv als eine
Verdoppelung des Geräuschpegels empfunden.
Dritte Station, auf der Suche nach Stille – wo sonst, wenn nicht auf dem
Friedhof. Doch Stefan Kortüms Messgerät schlägt auch zwischen den Grabsteinen
des städtischen Friedhofs kräftig aus. Die Vögel zwitschern, Gartenarbeiter
sind im Einsatz, ein Motorsegler brummt in der Höhe, über die Künzeller Straße
fließt der Verkehr, ein Güterzug rumpelt über die nahen Gleise: 50 Dezibel
kommen locker zusammen. Von wegen Grabesstille – bei der 3 d war es während
der Stillarbeit leiser. Jedenfalls so lange, bis es hitzefrei gab.
"Tag gegen Lärm":
Der „Tag gegen Lärm“ ist eine internationale Initiative, die hier zu Lande von
der Deutschen Gesellschaft für Akustik begleitet wird. Zwei ihrer Tipps:
Überprüfen Sie vor jeder Tätigkeit, ob ein Gehörschutz dafür nötig ist – etwa
beim Heckeschneiden und beim Rasenmähen. Und: Überdenken Sie Ihre Gewohnheiten
– müssen das Radio oder der Fernseher so oft im Hintergrund laufen?
www.tag-gegen-laerm.de
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