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Bericht über das Projekt Faustlos in der Florenbergschule (Quelle: Osthessen-News)


"Projekt Faustlos" - Ministerin in Kindertagesstätte St. Antoniusheim
 

Bilder: Max Colin Heydenreich
 
 
 
 
 

27.09.05 - Fulda - Sozialministerin Silke Lautenschläger informierte sich heute Nachmittag in der Fuldaer Kindertagesstätte St Antoniusheim über das Gewaltpräventionsprogramm „Faustlos“. Die Initiative des Vereins SMOG e.V. (Schule machen ohne Gewalt), das Präventionsprogramm zur gewaltfreien Konfliktlösung in allen osthessischen Kindergärten anzubieten und auch die erforderliche Fortbildung der Erzieherinnen zu ermöglichen, bezeichnete sie als vorbildlich und beispielgebend. „Gewalt bei jungen Menschen muss entschlossen entgegen getreten werden. Der Kindergarten biete die Möglichkeit, frühzeitig mit präventiven Maßnahmen anzusetzen. Mit "Faustlos" wird diese Chance flächendeckend in der Region genutzt“, erklärte die Ministerin.

Die unverändert hohe Zahl an gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen stelle Eltern und Erzieher vor große Herausforderungen. Junge Menschen müssen nach den Worten der Ministerin in die Lage versetzt werden, eigene Probleme nicht durch gewalttätige Aktionen zu lösen. Mit Gewalt konfrontierte junge Menschen sollten lernen, adäquat mit schwierigen Situationen umzugehen. In der Gewaltprävention komme den Institutionen und Einrichtungen besondere Bedeutung zu, die sich mit der Ausbildung, Erziehung und Förderung junger Menschen befassen, insbesondere den Schulen, Jugendämtern und Einrichtungen der Jugendhilfe.

Bei Gewalt nicht wegschauen, sondern konstruktiv handeln

„Diese haben einen guten Einblick in die Lebenswelt und Problemfelder junger Menschen und können so bedeutende Impulse für ressortübergreifende gewaltpräventive Maßnahmen mit nachhaltiger Wirkung geben“, so Silke Lautenschläger. Darüber hinaus gelte es, Menschen aller Altersgruppen zu bestärken, in Gewaltsituationen nicht wegzuschauen, sondern konstruktiv zu handeln.

Gehört, sich zu prügeln, quasi zur "Grundausbildung" im Kindergarten ? Die meisten Erwachsenen erinnern sich an Rempeleien und tätliche Auseinandersetzungen von Kindesbeinen an - und vielfach wird derjenige für durchsetzungsfähig gehalten, der Schläge austeilt. Ein allseits vertrautes Bild: zwei, die sich auf dem Schulhof wälzen und mit Fäusten traktieren, während die Umstehenden ihrem Favoriten rhythmisch Unterstützung zurufen. Untersuchungen der letzten Jahre legen den Schluss nahe, dass es heute nicht häufiger aggressives Verhalten unter Kindern gibt, sondern vielmehr die "Qualität" und Schärfe von Gewalttätigkeiten zugenommen hat.

Statt Gewalt die Sprache einsetzen

Das Präventionszentrum an der Universität Heidelberg hat schon Mitte der 90er Jahre das Trainingsprogramm namens "Faustlos" nach einem amerikanischen Vorbild entwickelt. Dabei geht es nicht um Hilfestellung bei Konflikten unter Kindern nach dem Motto: Wie kann ich zwei Streithähne erfolgreich voneinander trennen ? Erfolgreiche Prävention beginnt lange vor der Prügelei. Denn der Grundgedanke der Initiatoren von Faustlos ist bestechend einfach. Nur, wer sich nicht adäquat auszudrücken vermag, muss statt Sprache eben Gewalt einsetzen. Das Lernziel muss also heißen, eigene und fremde Gefühle richtig einzuschätzen, an- und aussprechen zu können.

Anhand von großformatigen Fotokartons mit Alltagszenen sollen die Kinder gewaltfreien Umgang mit Wut und Ärger lernen, ihr Mitgefühl besser ausbilden und ihre Emotionen artikulieren. Zusätzlich demonstrieren zwei Handpuppen - der Hund Wilder Willi und die Schnecke Ruhiger Schneck - den Kindern verschiedene Umgehensweisen mit Gefühlen und Konflikten.

Der Unterricht in "Faustlos" findet innerhalb des Kindergartenaufenthaltes in jeweils einer Wochenstunde statt. Die Finanzierung der Materialien sowie die Unterweisung der Erzieherinnen wird vom Präventionsrat von Stadt und Landkreis Fulda und dem Förderverein SMOG (Schule machen ohne Gewalt) unterstützt. Das Programm ist bereits an den Grundschulen im Kreis Fulda erfolgreich eingesetzt worden.
 

2002 hatten sich fünfzig Lehrerinnen und Lehrer von 13 Grundschulen im Landkreis Fulda in die Unterrichtsgestaltung mit "Faustlos" einarbeiten lassen. Grundschullehrerin Birgit Rolbetzki berichtet über ihre Erfahrung mit dem Programm zur Gewaltprävention in ihrer Grundschulklasse an der Florenbergschule in Pilgerzell.

Es ist immer gut, einen Freund zu haben...

Zur Faustlos-Unterrichtsstunde liegt eine von 52 Folien auf dem Overhead-Projektor, die den 6-Jährigen das Foto von zwei Gleichaltrigen zeigt. Die Lehrerin erzählt, warum die beiden Jungen ins Dunkle einer Schuppentür spähen. Dort soll es nämlich spuken. Der vorn auf dem Bild sichtbare Junge ist offensichtlich neugierig und fasziniert. Er will es genau wissen und wird wohl gleich hineinstürmen. Sein Freund hinter ihm macht ein bedenkliches und furchtsames Gesicht. Auch seine Körpersprache drückt Abwehr aus.

Wer weiß, ob es da wirklich Gespenster gibt? Nachdem die Grundschüler genau analysiert haben, welche Gefühle sie auf dem Bild erkennen, äußern sie Sympathie oder Ablehnung: >Ich hätte keine Angst und wäre auch ganz neugierig<, sagen die meisten Jungen der Klasse. Andere identifizieren sich mit dem Ängstlicheren der beiden. >Der ist doch schlau, wenn er lieber vorsichtig ist<, resümiert Jenny. Warum ist es gut, wenn man einen Freund hat, der ganz anders empfindet als man selbst, will die Lehrerin wissen. Eine lebhafte Diskussion über unterschiedliche Gefühle entbrennt.

Was aber hat diese Unterichtsstunde mit Gewaltprävention zu tun? "Ich merke an mir selbst, dass ich seit Beginn des Projekts darauf achte, meine Gefühle exakt zu artikulieren", sagt Birgit Rolbetzki. Hinter dem programmatischen Titel "Faustlos" vermuteten viele Kollegen zunächst Hilfestellung zur Konfliktintervention. Faustlos, das an der Universität Heidelberg aus einem amerikanischen Vorbild entwickelt wurde, setzt aber nicht erst an, wenn die Prügelei schon in Gang ist.

Wie die wissenschaftlich ausgewerteten "Feldversuche" des Programms an 30 Grundschulen in Baden-Württemberg gezeigt haben, beginnt erfolgreiche Prävention viel früher. Denn Gewaltbereitschaft wird von den Initiatoren des Curriculums vor allem als mangelnde Möglichkeit interpretiert, sich auch anders ausdrücken zu können. Daraus folgt der Ansatz, schon mit Kindern Empathie einzuüben - erklärt als ein "Set von Fähigkeiten und Fertigkeiten, Gefühle anderer wahrzunehmen, zu verstehen und zu beantworten".

Im Klartext: Wenn man gelernt hat, Wut, Ärger und Enttäuschung in für andere verständliche Worte zu fassen, braucht man niemandem mehr auf die Nase zu hauen. Impulskontrolle heißt dieser Lernabschnitt. In kleinen Schritten folgen weitere Zielsetzungen wie Umgang mit Neckereien und Hänseleien, sich zu beschweren, um Erlaubnis zu bitten, den richtigen Zeitpunkt herauszufinden, sich aus einem Kampf herauszuhalten, Konsequenzen zu akzeptieren, aber auch Zuwendung auszudrücken und jemanden freundlich um Hilfe zu bitten.

Schon nach wenigen Wochen hätten sich auch die Jungen in Gefühlsäußerungen geübt, die das bis dahin lieber den Mädchen überlassen hätten, hat die Lehrerin beobachtet: "Sie bekommen ein viel größeres Repertoire an Reaktionsmöglichkeiten und können selbstständiger mit Konflikten umgehen". Die Schülerinnen und Schüler ihrer Klasse freuen sich ausnahmslos auf die Wochenstunde, in der Birgit Rolbetzki den Faustlos-Koffer aufklappt. +++


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